September 8, 2020

Erweiterte Fassung des Impulsvortrags am 14.6.2019 aus Anlass der 30-Jahres-Feier des Vereins Hebebühne im Minoritensaal in Tulln.

Ich wurde eingeladen hier über Hintergründe zur Zukunft der Arbeit zu reden und einen allgemeinen Rahmen aufzuspannen. Ich komme dem gerne nach und will Ihnen ein paar Anregungen geben und einige Fragen stellen.

Wie können wir Geschichte schreiben?

Wenn wir über die Zukunft der Arbeit reden, dann unternehmen wir eine geschichtliche Betrachtung: wir vergleichen unsere Vorstellung über die Gegenwart mit unserer Vorstellung über eine erwartete oder eine mögliche Zukunft. Als Kulturhistoriker denke ich auch über die Frage nach, was es bedeutet Geschichte zu schreiben. Geschichte zu schreiben bedeutet eine Geschichte zu erzählen. Dies gilt für jeden für uns. Unser Leben zerfällt, so könnte man sagen, in einzelne Erlebnismomente, die sich dauernd aneinanderreihen. JETZT!, JETZT!, JETZT! leben wir – und die Vergangenheit und die Zukunft muss der Gegenwart mental andauernd dazu gefügt werden. Vergangenheit und Zukunft sind simulierte Konstruktionen. Der Mensch als simulierendes Wesen erzählt sich (in seinen Zwiegesprächen) und anderen andauernd Geschichten. Wenn ich Ihnen die Frage stelle: Was haben Sie gestern gemacht?, dann antworten sie mit einer Geschichte. Diese Geschichte hat wenig mit den unendlichen Erlebnismomenten von gestern zu tun. Sie gibt Ihr Modell, Ihre sinnvolle Zusammenfassung, Ihre Konstruktion über eine Fülle von Ereignissen wieder. Und in dieser Erzählung erzählen Sie mir, wer sie sind. Ihr Modell über Ihre Erlebnisse gestern ist mit ihrem Selbstbild heute direkt verbunden.

Diese Zusammenhänge gelten auch auf einer allgemeinen Ebene. Unsere Vorstellung über die Geschichte, über unserer kollektive Vergangenheit, und unsere Vorstellungen über die Zukunft haben mit kollektiven Selbstbildern zu tun: Wer sind wir als Kollektiv, als Gemeinschaft oder als Gesellschaft?

Wie bilden sich geschichtliche Erzählungen? In welcher Weise kann ein Kulturhistoriker eine Geschichte erzählen? Dazu fünf Aussagen:

  1. Wir verfügen über keine Metatheorie, die uns Auskunft geben kann, wie und unter welchen Aspekten wir Geschichte erzählen sollen, wie wir dabei vorgehen, auf was wir achten, was wir in den Vordergrund stellen sollen und was unbeachtet bleiben kann.
  2. Kulturhistoriker sind auch davon überzeugt, dass es kein allgemeines Entwicklungsgesetz in der Geschichte gibt, die den Gang der Geschichte bestimmt und die Zukunft in eine bestimmte Richtung drängt. (Diese Ansicht hat man Geschichtsdeterminismus genannt, das war im 18. und im 19. Jahrhundert modern.) Geschichte ist immer nach vorne offen. Utopien und Dystopien, gute und schlechte Zukünfte, sind nur Möglichkeiten. Morgen kann sich die Geschichte zum Guten oder zum Schlechten wenden. Denn der Lauf der Geschichte hat auch mit Zufällen zu tun, oft haben kleine Ereignisse unvorhersehbare große Auswirkungen. (WissenschaftlerInnen sprechen von Kontingenz: eine Mischung von pfadabhängiger Bestimmtheit und rein chaotischer Entwicklung).
  3. Wir können auch nicht mit absoluter Gewissheit sagen, ob es angebracht ist, geschichtliche Ereignisse kontiniuerlich oder diskontinuierlich, als gleichförmigen Ablauf oder als Bruch oder Zäsur (d.h. als Perioden), zu beschreiben. (Kontinuität oder Diskontinuität ist kein Aspekt der Geschichte, sondern eine Betrachtungsweise zur Konstruktion von Geschichten.) Erleben wir jetzt einen Bruch? Kommt jetzt, wie viele sagen, etwas ganz Neues? Leben wir in einer Wendezeit? Im nachhinein können wir oft von einer Zäsur sprechen. 1989 z.B. ist der Kommunismus zusammengebrochen (implodiert) und danach hat sich das globale Wirtschaftssystem gewandelt, man sprach dann von „der Globalisierung“. Oder: die Finanzkrise 2008 war eine Zäsur, man kann hier sinnvoll einen Zusammenhang zum Durchbruch des Rechtspopulismus 2016 (Brexit und Wahl von Trump) ziehen.
  4. Jedes Bild über die Zukunft basiert auf einem Bild über die Gegenwart. Wir können über die Zukunft nur sprechen, weil wir ein Bild über die Gegenwart besitzen. Aber über welchen Bereich der Gegenwart sollen wir dabei reden: über den Arbeitsmarkt, über die Technik, über die Wirtschaft, über die Politik, über die Gesellschaft oder über andere Bereiche? Ein breiter Rahmen ist die Gesellschaft. Darf ich Ihnen eine Frage stellen: In welcher Gesellschaft leben Sie? Was ist Ihr Bild von der Gesellschaft, in der Sie leben? Wie denken Sie über die Gesellschaft? Welches Bild besitzen Sie? Ein paar Vorschläge: Leistungsgesellschaft? Informationsgesellschaft? Wissensgesellschaft? Konsumgesellschaft? Egogesellschaft? Überwachungsgesellschaft? Und was wäre denn die wichtigste Bezeichnung, die den Kern trifft?
  5. Diese Frage ist nicht trivial. Sie ist – obwohl sie selten gestellt wird – von entscheidender Bedeutung. Denn das Modell, die Vorstellung, das Bild über die gegenwärtige Gesellschaft legt einen Rahmen fest, in dem wichtige Fragen vorentschieden werden. Z.B.: Welche Strukturen der Gesellschaft können erkannt werden? Welche Probleme werden sichtbar? Welche Optionen tun sich auf? Was erscheint an Handlungsmöglichkeiten? Das Modell der Gesellschaft wirkt wie eine Brille: was wird erhellt, was wird verdunkelt? Was erscheint klar, was bleibt im Nebel?

Die stärkste Art der Verdunkelung bezeichnen Sozialpsychologen mit dem Ausdruck Hypokognition. Hypokognition bedeutet, dass bestimmte Sachverhalte nicht erkannt werden können, weil die Worte, die Begriffe und die Konzepte fehlen. Ohne Sprache kann sich kein Denken entfalten. Es stehen keine Denkwerkzeuge zur Verfügung, mit denen ein Erkennen möglich wäre. Zwei drastische Beispiele aus der deutschen Politik (ich will Sie etwas provozieren):

  1. Wenn Annegret Kramp-Karrenbauer derart ungeschickt auf ein Video des Bloggers Rezo (mit 13 Millionen Zugriffe) agiert, dann – so behaupte ich – versteht Sie den Vorgang schlichtweg nicht.
  2. Wenn Andreas Nahles im letzten Jahr derart unbeholfen auf den drastischen Rückgang der Zustimmung zur SPD reagiert hat, dann unterlag sie einer Hypokognition: Sie versteht den Prozess, mit dem sich öffentliche Meinung formt, nicht. Das sind starke Behauptungen, einige Belege kommen später.

Welches Bild über die Vergangenheit und über die Gegenwart besitze ich? Sehr verkürzt: Meine Vorstellung über die gegenwärtige Gesellschaft ist die ökonomisierte Gesellschaft. (Der Begriff stammt nicht von mir.) Die ökonomisierte Gesellschaft ist das Ergebnis eines Trends über zumindest dreißig Jahre: In vielen Bereichen der Gesellschaft, die früher eigenen Regeln, Normen und Ethiken gefolgt sind, haben betriebswirtschaftliche Normen, Kennziffern und ökonomische Denkweisen (und eine dazu passende Sprache) Einzug gehalten. Damit haben sich auch die Ethiken grundlegend verändert. Wenn Sie das lesen, dann können Sie sich die Frage stellen: Konnte Sie in den beruflichen Feldern, mit denen Sie vertraut sind, Momente einer Ökonomisierung beobachten: Wie haben sich die Ziele, die Normen und die Art des Arbeitens verändert? Zum Beispiel: Was war die Ethik eines Arztes, einer Ärztin früher, wie hat er/sie vor 30 Jahren gearbeitet und welchen Regelwerken, Vorgaben und Kontrollsystemen sind ÄrztInnen heute unterworfen? Was war früher die Ethik von PolitikerInnen und nach welchen Regeln agieren sie in der Mehrzahl heute?

Die ökonomisierte Gesellschaft

Mein Erfahrungsbereich, den ich gut kenne, ist die Universität. Die Art, wie vor dreißig Jahren Wissenschaft unternommen wurde, und die Art, wie das heute Standard geworden ist, unterscheiden sich durch Welten. Heute müssen WissenschaftlerInnen wie UnternehmerInnen agieren, die sich auf „dem Marktplatz der Ideen“ zu verkaufen und in der Beschaffung von Forschungsprojekten und Forschungsmitteln erfolgreich zu sein haben. Heute kann das Prestige einer Person in der Wissenschaft auf einer Skala mit Punkten wie bei Tennisspielern festgehalten werden.

Die ökonomisierte Gesellschaft lebt von Rankings (alle wird auf einer Skala miteinander verglichen) und Ratings (alle werden hierarchisch Gruppen zugeordnet). Soziale Räume werden in zunehmendem Maße vermessen (sie werden metrisiert). Für alles gibt es Maßstäbe und ziffernmäßige Zuordnungen. Qualitäten jeder Art werden auf Quantitäten reduziert. Immer mehr Aktivitäten werden einer Art von Buchhaltung unterworfen, denn alles muss „effizient“ ablaufen. Mittel werden leistungsorientiert vergeben, die meisten haben enge Zielvorgaben zu beachten und müssen einer Outputorientierung folgen.

Lebensbereiche zu messen bedeutet nicht nur sie zu erfassen. Im Messen werden Realitäten nicht nur ermittelt, sondern neue Realitäten geschaffen. Mit Hilfe von Zahlen entstehen Welten, die es ohne Zahlen nicht gibt. Die neu geschaffenen Realitäten haben neue Zwänge zur Folge. Menschen müssen sich ihnen anpassen und können auf diese Weise wirkungsvoll, gleichsam objektiv, gesteuert werden. Wer Rankings, Ratings und numerischen Vorgaben unterliegt, steht in einem permanenten Verbesserungsdruck. Der Wettbewerbsdruck steigt, das ist oft mit zunehmendem Stress verbunden. Damit kann langfristig die Lebensqualität am Arbeitsplatz sinken – ein Trend, der durch die Politik kaum thematisiert und gegen den kein politisches Programm formuliert wird.

Die These der ökonomisierten Gesellschaft hat viele Implikationen. Eine wichtige Folgerung betrifft die Stellung der Wissenschaften in der Gesellschaft. Wenn die Gesellschaft eine ökonomisierte Gesellschaft geworden ist, dann nimmt die Wirtschaftstheorie die Rolle einer Leitwissenschaft ein. Sie besitzt damit eine hervorragende Stellung – vergleichbar anderen Epochen, in denen andere Wissenschaften als Leitwissenschaften galten. Beispiele sind die Theologie im hohen Mittelalter, Staatswirtschaftslehren im Absolutismus (z.B. in Frankreich unter Ludwig XIV.), die Philosophie in Frankreich vor der Französischen Revolution oder der Marxismus in den kommunistischen Ländern.

Wenn die Ökonomie in den Status einer Leitwissenschaft aufgestiegen ist, dann ist dafür nur eine bestimmte Art von Wirtschaftstheorie brauchbar. Adam Smith z.B., der als Vater der Wirtschaftstheorie gilt, wird zu Unrecht für gängige Sichteisen des aktuellen Wirtschaftssystems reklamiert. Denn er den hat den Menschen als moralisches Wesen gesehen (in seinem Werk Theory of Moral Sentiments 1759) und letztlich ein Konzept eines moralischen liberalen Wirtschaftssystems entworfen. Auch andere Schulen der Wirtschaftstheorie können nicht als Leitwissenschaft einer ökonomisierten Gesellschaft dienen, wie die Institutionelle, die Romantische oder die Historische Schule der Nationalökonomie – auch nicht die Ansätze, die Keynes entworfen hat.

Für die Rolle der Leitwissenschaft waren spezifische Theorien brauchbar, die in der Österreichischen Schule der Nationalökonomie, im deutschen Ordoliberalismus und in Varianten der Chicagoer-Schule der Nationalökonomie entwickelt worden sind. Ihre gemeinsame Basis ist die Verwendung eines Begriffes von „dem Markt“ in der Einzahl und in sehr spezifischen Bedeutungen (die ich in meinem Buch Mythos Markt. Mythos Neoklassik im Detail beschrieben habe). Hier wird „der Markt“ wie eine Person gedacht, die eigenständig agiert. Z.B. wird gesagt, „der Markt“ sei launisch oder störrisch, „er“ sei uns überlegen und übe Macht über uns aus. Wir hätten uns „ihm“ zu unterordnen, sonst würde „er“ uns bestrafen. Wir hätten sogar „dem Markt“ Opfer zu bringen – hier bekommt „der Markt“ religiöse Züge.

Die Denk- und Redeweise von „dem Markt“ ist ungemein prominent. Angela Merkel hat z.B. wiederholt von einer „marktkonformen Demokratie“ gesprochen. Um es gleich zu sagen: „Der Markt“ ist nur ein Denkgebäude, dass nur dadurch wirksam geworden ist, weil viele (vor allem Eliten) an ihn glauben. Natürlich gibt es Märkte und es gibt ungemein komplexe Regelsysteme der Wirtschaft, aber es gibt nicht „den Markt“ in der Einzahl und vor allem nicht wie ein höheres Wesen, das über uns schwebt und zu dem wir aufschauen sollten. Aber „der Markt“ ist als rhetorische Figur ungemein brauchbar. Er dient auch den Interessen von reichen Personen und mächtigen Firmen, die im Namen „des Marktes“ Forderungen erheben können. (Seit 1989 haben in den USA die 1 Prozent der Reichsten ihr Vermögen um 21 Billionen US-$ erhöht, das Vermögen der 50 Prozent der Armen ist um 900 Milliarden $ geschrumpft.) Seinen größten Einfluss übt das Reden von „dem Markt“ auf das politische Denken aus. Denn wer an „den Markt“ glaubt, kann folgendes Polittheater propagieren (und durch dauernde Wiederholungen in den Köpfen verankern): Nämlich so tun, als ob es nur zwei Richtungen geben würde, die die Politik einschlagen kann: sich auf „den Markt“ zu orientieren und „dem Staat“ zu folgen. Populär heiß es: „Wollt ihr mehr Markt oder mehr Staat?“. Die Antwort liegt in der Frage, denn in dieser zweigeteilten Welt ist schon alles vorentschieden: „Der Markt“ gilt als effizient und moralisch überlegen („er“ ist nämlich der Hort „der Freiheit“, wiederum in der Einzahl). „Der Staat“ hingegen wird als ineffizient und bürokratisch hingestellt und als starres Zwangssystem charakterisiert, das „die Freiheit“ bedroht.

In diesem Gut-Böse-Spiel, das ungemein prominent geworden ist, kommt der Politik eine zweifache Rolle zu:

  1. Die Politik hat die Aufgabe, „den Markt“ aktiv und geplant herzustellen. Sie muss für „den Markt“ ein komplexes Regelsystem (z.B. die Regeln der Eigentumsordnung, Patent- und Handelsrechte und ein funktionierendes Geldsystem) entwerfen, organisieren und durch das Zwangssystem von Polizei und Gericht permanent am Leben erhalten. Manchmal – in besonderen historischen Momenten – muss die Politik aber auch schockartig vorgehen und „den Markt“ (oft ohne demokratische Zustimmung) mit einem Ruck etablieren. Boris Jelzin hat z.B. im Jahre 1992 unter dem Beifall des Internationalen Währungsfonds und der Weltbank schlagartig alle Preise in Russland freigegeben. Damit – so wurde gesagt – würde sich „der Markt“ (der als geheimnisvolles Potential auch in einer Planwirtschaft mit vorgegeben Preisen schlummert) schnell „entfalten“. (Die Folge war 1992 eine Hyperinflation, später eine Hungerswelle und die Verschleuderung des Volksvermögens an eine Handvoll Oligarchen.)
  2. Wenn „der Markt“ aber etabliert ist (egal wie das geschehen ist), dann kommt der Politik die Aufgabe zu sich passiv zu verhalten: Jetzt muss sie „den Markt“ gewähren lassen. Diesem Ziel dient der Slogan von der „Standortsicherung“ – gemeint ist, sich den aktuellen Entwicklungen der Wirtschaft anzupassen. Vor allem aber darf die Politik „dem Markt“ keine eigenständigen politischen Ziele vorgeben. Denn das wäre ja ein „Eingriff in den Markt“. Das Politikkonzept „des Marktes“ enthält das prinzipielle Verbot, „dem Markt“ Vorgaben zu machen und „der Wirtschaft“ eigene Ziele und Kriterien gegenüber zu stellen (und diese auch gegen die Interessen „der Wirtschaft“ durchzusetzen).

Denkverbote dieser Art haben die Politik über die Jahrzehnte grundlegend verändert und immer mehr gezähmt. Teile der Bevölkerung (vor allem arme Schichten) haben sich dabei enttäuscht von der Politik abgewandt, sei gehen auch nicht mehr wählen. Politiker und Politikerinnen, die einem Denken „des Marktes“ folgen (meist ohne sich dessen bewusst zu sein), legen sich stillschweigend eine Selbstbeschränkung auf. Sie denken sich als Begleiter und Verwalter der Wirtschaft und kommen nicht auf die Idee, Fehlentwicklungen (wie eine steigende Ungleichheit der Vermögen) anzusprechen und Gegenprogramme zu entwickeln. (Die Mehrheit der Bevölkerung würde genau das begrüßen.) Seit dreißig Jahren lautet der Schlachtruf: „Es gibt keine Alternative“ – und in dieser scheinbaren Alternativlosigkeit kann die Gesellschaft unbemerkt immer mehr „dem Markt“ unterworfen, d.h. ökonomisiert werden. Vor allem aber haben PolitikerInnen in hohem Maße die Fähigkeit verloren, über Mängel des aktuellen Kapitalismus und seine geschichtliche Entwicklung nachdenken zu können.

Fehler und Unterlassungen dieser Art dokumentieren Hypokognitionen, die das Konzept „des Marktes“ bewirken und bewirken müssen. Ein folgenwirksames Beispiel ist die Finanzkrise 2008, immerhin die größte Krise des Kapitalismus seit 1945. Weder während noch nach der Krise haben es PolitikerInnen als ihre Aufgabe angesehen, der Bevölkerung in einfachen Worten und mit verständlichen Bildern zu erklären, warum es die Krise gibt, wer dafür schuldig ist, warum die hohen Rettungsmaßnahmen notwendig sind und was man in Zukunft tun werde, damit eine solche Krise nicht wieder auftreten wird. (Es gibt auch in der Öffentlichkeit keine Reflexion über dieses Versäumnis der Politik.) Auch die ÖkonomInnen, die sich nach der Krise in den Medien zu Wort gemeldet haben, haben kaum zur Aufklärung beigetragen. Sie haben die Finanzkrise (das haben meine früheren MitarbeiterInnen an der Johannes Kepler Universität Linz in einem Forschungsprojekt gezeigt) vor allem als „Erdbeben“ oder als „Tsunami“ „erklärt“, d.h. eben nicht erklärt. Denn was will man gegen ein Naturereignis ausrichten?

Ähnliche Hypokognitionen „des Marktes“ kann man an vielen Beispielen studieren. ÖkonomInnen haben z.B. kaum etwas zur Aufklärung über die Steueroasen beigetragen, das haben kritische NGOs und JournalistInnen besorgt. In der Dominanz „des Marktes“ kommen nur wenige, meist kritische ÖkonomInnen auf die Idee, die Wirtschaft im Detail zu untersuchen und exakt zu erkunden, wie ihre Strukturen sind. Denn „der Markt“ – so der Glaube – existiert immer und überall. Er besitzt keine Grenzen: er ist kontextlos. Auch die Natur stellt für „den Markt“ keine Schranke dar. Als Laie könnte man folgendes denken: Der Mensch als Lebewesen ist Teil der Natur, in diesem Rahmen muss sich die Gesellschaft und in den Rahmen der Gesellschaft die Wirtschaft einbetten. Aber „der Markt“ ist entgrenzt: „er“ kennt keine Grenzen. Weder die Gesellschaft noch die Natur kann „ihn“ begrenzen. Wenn grundlegende Probleme auftauchen, wie die Finanzkrise 2008 oder ökologische Krisen, dann begründen sie keine Kritik an „dem Markt“. Im Gegenteil: Es wird unverdrossen gefordert, sie mit Hilfe „des Marktes“ zu lösen. Die meisten ÖkonomInnen halten z.B. Umweltzertifikate für eine gute Sache. Der Staat soll einen Markt für Verschmutzungsrechte einrichten, das Recht die Natur zu verschmutzen soll einen Preis bekommen. Damit wird „der Markt“ zum Retter der Natur, die richtigen Preise werden alle Probleme beseitigen. Aber im Denken „des Marktes“ wurde eine noch radikalere Version möglich, die in den USA und in Australien die Politik dominiert, und durch die Rechtspopulisten weltweit verbreitet wird. Nämlich zu bestreiten, dass es überhaupt Umweltprobleme gibt. Die Klimakrise wird hier als Falschmeldung dahingestellt (so die ÖkonomInnen, auf die Trump und viele Rechtspopulisten hören). Damit braucht die Politik gar nichts tun, sie darf „dem Markt“ ohnehin keine Umweltziele vorgeben. Das Schicksal der Menschheit liegt damit im Schoße „des Marktes“.

Krisen der Umwelt

Damit sind wir bei den wichtigsten Krisen der Gegenwart angelangt, den Krisen der Umwelt. Darf ich ihnen wiederum eine Frage stellen: Was ist Ihr Befund zur Umwelt? Wie besorgt sind Sie? Welchen Expertinnen vertrauen Sie? Welche Maßnahmen sind Ihrer Meinung nach erforderlich? Mit welcher Dringlichkeit? Wie denken Sie über die Zukunft der Umwelt? Welche Bilder besitzen Sie über die Gegenwart und welche über die Zukunft der Natur?

Die Auseinandersetzung über die Umwelt verweist uns (die wir keine ExpertInnen sind) auf unser Vertrauen: Wem vertrauen wir? Wer kann uns verbindlich über den Stand der Probleme Auskunft geben? Allgemein: Wo in der Gesellschaft ist der Ort, an dem Wissen erzeugt wird, das öffentlich anerkannt wird?

Ich stelle noch eine Frage: Welche Umweltbefunde halten Sie für schwerwiegend? Worüber sollte die Öffentlichkeit (neben der Erderwärmung) besorgt sein?

  • das Artensterben, das 6. Massensterben in der Geschichte der Erde? (In Europa sind 75% der Insekten und mehr als die Hälfte der Vögel verschwunden.)
  • die Überfischung der Meere? (Die Hälfte der Meerestiere sind verschwunden.)
  • der Rückgang des Planktons, die Basis der Nahrungsmittelkette bis zum Menschen?
  • das drohende Abschmelzen aller Gletscher? (Im Himalaya entspringen die größten Flüsse der Welt, die das Wasser für Milliarden von Menschen liefern.)
  • das Auftauen von Sibirien? (Ein Fünftel der Erdoberfläche ist Permafrostboden, darin ist das aggressive Gas Methan gebunden, das viel schädlicher als CO2 ist.)
  • die steigende Plastiklawine, fast 90% wird nicht recyclt? (Überall im Wasser, in den Meeren und im Trinkwasser, befinden sich Plastik, vor allem Mikroplastikteile.)
  • die Veränderung in der Zirkulation der Meere? (Der Golfstrom hat sich um 20% verlangsamt.)
  • das Abschmelzen der großen Eisschilde in den Meeren? (Der Westantarktikschild schmilzt vermutlich schon irreversibel ab, das wird den Meeresspiegel um weitere 3 Meter anheben. Möglich sind auch ein Schmelzen des Grönländischen Eisschildes – nochmal 3 Meter – und des Ostantarktischen Eisschildes – plus 60 Meter.)
  • und: Die Lage der Landwirtschaft? Pestizide in der Natur und Hormone im Essen? Bodenerosion?
  • Und?

Möglich sind Kippeffekte für jeden dieser Trends: schnelle Änderungen, die nicht mehr rückgängig gemacht werden können. In der Erdgeschichte hat es Phasen gegeben, in denen sich das Klima innerhalb von 10 Jahren dramatisch verändert hat.

Kippeffekte werden von der Friday-for-Future-Bewegung thematisiert, Greta Thurnberg spricht davon oft. Sind ihre Zukunftsbilder Panikmache und reiner Alarmismus? Werden hier unverantwortlich Ängste geschürt?

Aber die Zukunftsbilder dieser Bewegung kann man auch anders deuten. Denn sie drücken auch eine (vielleicht naive) Hoffnung aus. Vor allem zwei Vorstellungen sind bemerkenswert. Zum einen nehmen sie die Befunde von Naturwissenschaftlern und ihre Warnungen ernst. Ihnen wird ohne Wenn und Aber Vertrauen geschenkt, was Teile der Gesellschaft (auch politische Eliten) offenbar nicht mehr tun. Zum anderen wendet sich die neue Umweltbewegung hoffnungsvoll an die Politik. Die Adressaten der Demonstrationen sind die politischen Verantwortlichen, sie sollen rasch handeln. Damit wird ein Vertrauen in die Lösungsfähigkeit des politischen Systems ausgedrückt, das manche bereits verloren haben. Die politisch Verantwortlichen sollten diese Signale richtig deuten und die neuen Umweltbewegungen rasch in den politischen Prozess integrieren. Denn – das sollte man bedenken – was wird geschehen, wie werden sich verzweifelte junge Leute radikalisieren, wenn sie merken, dass ihre Appelle an die Politik ungehört verhallt sind?

Die Hoffnungs-Bilder der Umweltbewegten stehen mit den Bildern der „Markt“-Bewegten in Gegensatz. Denn letztere verleugnen die Krisen der Umwelt (die Klimawandelleugnung durch die aggressivsten Think-Tank „des Marktes“) oder erklären sie als unmöglich: wir können uns die Klimarettung aus Gründen „des Standorts“ nicht leisten (die angeblich sanfteren Vertreter „des Marktes“). In beiden Fällen hat „der Markt“ Vorrang vor einer energischen Klimapolitik.

Das Ansteigen des Denkens „des Marktes“ in der Gesellschaft macht auch verständlich, warum seit den 1980er-Jahren nicht entscheidende Umweltmaßnahmen getroffen wurden. Denn seit den 80er-Jahren liegen die Umweltproblem klar auf dem Tisch. In der Akademie der Wissenschaften in den USA gibt es schon damals einen Konsens und Exxon-Mobil hat sich 1981 in einer internen Studie sachkundig gemacht. Die Studie wurde unterdrückt und eine aggressive Klimawandelleugnungskampagne finanziert.

Der Neoliberalismus (in meinen Worten: der Marktfundamentalismus) hat die grundsätzlichen Fragen der 1980er-Jahre nicht gelöst, sondern vor sich hergetrieben. Heute diskutieren wir die Themen von damals: Umweltprobleme, eine radikale Arbeitszeitverkürzung, bedingungsloses Grundeinkommen, die Macht großer Konzerne und Formen der Demokratisierung der Wirtschaft. Erst mit dem Zeitalter „der Globalisierung“ sind die Umweltfragen explodiert: seit 1990 haben sich die globalen Emissionen um 40% erhöht. Über drei Jahrzehnte wurden „dem Markt“ geopfert.

Die Klimafragen bilden die neuen Konfliktlinien der europäischen Gesellschaften. Die früheren Volksparteien müssen sich entscheiden, auf welche Seite sie sich stellen: Werden sie die klimaskeptischen Parteien unterstützen und mit „dem Standort“ argumentieren oder werden sie (zweite Option) einen Diskurs über eine nachhaltige Transformation der Wirtschaft starten? (Es steht das längerfristige EU-Budget an und die Festlegung der Klimaziele für 2030 und 2050.) Die zweite Variante eröffnet viele Optionen zur Gestaltung der Politik, zu einer Redemokratisierung der Gesellschaft und einer Zähmung des Finanzkapitalismus.

Realistischer ist im Augenblick die erste Version. Aber damit steht – das sollte man klar erkennen – das fast 300-jährige Projekt der Moderne auf dem Prüfstand. Es wurzelt auf zumindest vier Säulen: auf Vernunft und Aufklärung zu setzen, die Rolle der Wissenschaft anzuerkennen, die Demokratie und demokratische Rechte hochzuhalten und an die Gestaltbarkeit durch die Politik zu vertrauen. Diese Säulen sind bedroht. Wenn sich vor allem Konservative und Rechtspopulisten zusammentun, wird die Demokratie de facto beerdigt werden (das Vorbild ist Ungarn unter Viktor Orbán). Welche Situation wird entstehen, wenn es klar wird, dass die Probleme der Umwelt nicht mehr bewältigt werden können, weil es zu spät geworden ist? Welche Deutungen werden dann entstehen? Wird man unsere Zivilisation als gescheitert betrachten? Wird sie ihre bindende Kraft verlieren und auseinanderbrechen?

Politische Utopien braucht das Land!

Die zentralen Fragen der Umwelt betreffen die Politik und ihren Zukunftspfad, nicht primär die Technik und ihre weitere Entwicklung. Das gilt für viele andere Probleme, z.B. auch für die Frage, ob die Digitalisierung eine neue Arbeitslosigkeit bewirken wird. Die zentralen Momente für die Weiterentwicklung der Gesellschaft liegen bei der Politik. Denn die Politik legt die Regelwerke der Wirtschaft fest, in denen sie agieren muss. (Auch eine Nichtregulierung ist eine Regulierung und kann verändert werden.) Das bedeutet auch, dass politische Probleme von Menschen verursacht sind und von Menschen gelöst werden können. Prinzipiell ist es möglich die Ungleichheit der Vermögen zu mildern, die Steueroasen zu schließen, die großen Konzerne zu zerschlagen und die Rechte über unsere individuellen Daten (die uns im Überwachungskapitalismus durch Internetmonopole genommen wurden) wieder herzustellen.

Damit sind wir wieder am Ausgangspunkt meines Vortrags angelangt: Was ist Ihr Bild über unsere Gesellschaft und was ist Ihr Bild über positive Optionen für die Zukunft?

Für die Zukunft ist entscheidend, ob es kollektiv gelingt einen intensiven Zukunftsdiskurs zu starten und neue positive Zukunftsbilder, die ohnehin schon vorhanden sind, in der öffentlichen Meinung zu verankern. Der Stillstand der Politik kann nur durch Zukunftsbilder und Utopien überwunden werden. Aber das Wort Utopie schreckt viele ab. Sie glauben, dass wir über eine „große“ Utopie verfügen müssten, dass Utopien mühsam zu erstellen sind und dass man noch jahrelang Klärungen und intensive Debatten brauchen würden.

Das genaue Gegenteil ist der Fall: Utopien sind nichts Großartiges. Sie verlangen keine neuen Qualitäten oder ein Wissen, das nicht ohnehin schon vorhanden ist. Sehen wir uns Alltagsvorgänge in der Wirtschaft an. Viele von ihnen sind zukunftsbasiert und basieren auf Bildern über die Zukunft. Wie kommt ein Manger, eine Managerin dazu ein großes Investitionsvorhaben zu vertreten? Mit welcher Sicherheit weiß sie oder er, ob ein neues Projekt rentabel sein wird? Was machen Personen, die auf Börsen ihr Geld anlegen? Eine Aktie z.B. wird nur gekauft, wenn eine Kurssteigerung erwartet wird und man braucht dazu eine Person, die die Aktie verkaufen will, weil sie glaubt, die Preise würden sinken. Börsen sind Märkte, die auf Zukunftsbildern ruhen, deswegen sind sie auch so instabil. Aber was wissen Verantwortliche in der Wirtschaft wirklich über die Zukunft der Wirtschaft? Mit welcher Sicherheit werden Start-Ups ins Leben gerufen und mit welcher Sicherheit können wir ein Auto kaufen oder ein Haus erwerben? Im Grunde genommen weiß kaum jemand etwas über kommende Zeiten. Aber die meisten, die in der Wirtschaft zukunftsorientiert handeln, besitzen positive Bilder über die Zukunft.

Sich Zukunfts-Bilder zu machen und sich an Zukunfts-Bildern zu orientieren ist das Normalste auf der Welt. Eltern erziehen mit enormem Einsatz ihre Kinder, ohne zu wissen, welchen Weg diese einschlagen werden. Sie vertrauen darauf, dass es gut gehen wird. Sie projizieren mit großer Selbstverständlichkeit positive Zukunftsbilder in ihre Kinder, die sich bewahrheiten können oder auch nicht. Aber die Ungewissheit hält sie nicht ab, in der Gegenwart verantwortungsvoll und geduldig zu handeln. Diese Selbstverständlichkeiten brauchen wir für eine neue Politik.

Die Politik der Zukunft wird zukunftsbasiert sein. Sie verlangt zweierlei: einen klaren Blick auf die Strukturen und Gefahren der Gegenwart. Dies zu unternehme, erfordert Mut. Viele ertragen einen umfassenden negativen Befund nicht, der Angst machen muss. Aber wenn diese Ängste reale Ängste sind (z.B. die Gefahren, de in dem Artensterben liegen), dann sollten sie nicht verdrängt, sondern mit freundlich gesinnten Personen zur Sprache gebracht werden. Über Ängste zu reden und mit anderen zu teilen kann stärkend sein.

Aber der klare Befund und seine Ängste sind nur die eine Seite. Auf der anderen Seite steht unsere Fähigkeit Zukunftsbilder zu entwerfen. Um angesichts von Ängsten handlungsfähig zu bleiben, braucht man kraftvolle Bilder, die gute Zukunft als Möglichkeit malen. Sie müssen in der inneren Welt stärker als die Zukunftsängste leuchten – wie realistisch diese auch sein mögen. Menschen haben die Fähigkeit in den widrigsten Umständen Hoffnung zu schaffen und Auswege zu finden, die Geschichte ist voll von inspirierenden Beispielen. Angesichts globaler Krisen braucht es intensive Zukunftsdiskurse, einen Wettstreit um die stärksten Zukunftsbilder. Wenn die Öffentlichkeit damit beginnt, wird die Zeit der Rechtspopulisten sich zu Ende neigen. Alle umwelt-, sozial- und demokratiebewegten Menschen sollen sich klar machen, dass sie über eine Ressource verfügen, die Rechtspopulisten nicht leisten können: nämlich positive und integrative Zukunftsbilder zu entwerfen. Rechtspopulisten sind vergangenheitsorientiert. Sie besitzen das Bild einer „guten alten Zeit“, die es niemals gegeben hat. Diese Zeit (jede Bewegung pflegt ihre eigene Geschichtsfiktion) wird von ihnen in die Zukunft projiziert: so soll es wieder sein. „Make America great again“, zeigt das Prinzip. Aber ein derartiges Unterfangen ist sinnlos und wird die Probleme in Zukunft nur verschärfen.

Was ist der eigentliche Wert von Zukunftsbildern? Der Wert von Zukunftsbildern liegt nicht in der Zukunft, denn die wird ohnehin anders sein als wir glauben. Zukunftsbilder sind auch nicht dazu da, die Zukunft bannen zu wollen – das wäre sinnlose Esoterik. Der Wert von Zukunftsbildern liegt in der Gegenwart, vor allem in zwei Aspekten. Zukunftsbilder sollen uns erstens für die Gegenwart eine Orientierung geben, eine Ausrichtung. Sie geben in der Gegenwart dem Handeln eine Richtung: dorthin sollen wir uns bewegen. Der zweite Wert liegt in ihrer Auswirkung auf unsere innere Verfasstheit. Gute und starke Zukunftsbilder können uns heute Kraft vermitteln. Diese Stärke brauchen wir und gute soziale Bewegungen sind dazu da einander zu stärken. Wünschen wir uns kräftige Zukunftsbilder und beginnen wir mit Zukunftsdiskursen.

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