by  Walter O. Ötsch

Februar 10, 2021

Unerwartete Krisen, wie die Covid-19 Pandemie, enthüllen ein im Rückblick erstaunliches Nichtwissen der Gesellschaft. Sie offenbaren das gesellschaftliche Ringen darum, welches Wissen jeweils das angemessene ist, um Phänomene als Krise zu identifizieren, zu verstehen und mit ihnen umzugehen.

Neues Buch, Januar 2021

Wissen und Nichtwissen der ökonomisierten Gesellschaft

Aufgaben einer neuen Politischen Ökonomie

Herausgeben von Walter Otto Ötsch und Theresa Steffestun, Metropolis Marburg Infos beim Verlag

Beschreibung

Ausgangspunkt des Sammelbands sind zwei Thesen:

(1) Was als Wissen gilt und was nicht, bestimmt, wie wir z.B. Krisen wahrnehmen und überwinden können. 
(2) In ökonomisierten Gesellschaften ist das Wissen (und das Nichtwissen) von Ökonom*innen von besonderer Bedeutung.

Die Beiträge zeichnen die Grenzlinien nach, die unterschiedliche Theorieschulen, wie z.B. der österreichischen Schule, der Verhaltensökonomie oder der Rational Choice Theorie zwischen legitimem und illegitimem Wissen ziehen und welch strukturelles Nichtwissen sich dadurch ergibt.

„Die Wissensordnung in der Standardökonomie ist hermetisch und dogmatisch zugleich. Gesellschaften, die ihren Vertreter*innen Autorität einräumen, drohen sich in deren epistemischen Lock-In einer marktfundamentalen Erzählung zu verfangen“ (Walter Ötsch)

„Ein epistemischer Lock-In wird lebensbedrohlich, wenn wir outside the box denken müssen, um etwa die Klimakrise zu bewältigen. Letzteres wird u.a. möglich, wenn nicht eine Methode, sondern der Gegenstand Ausgangspunkt + Maßstab ökonomischen Wissens ist.“ (Theresa Steffestun)

Aus dem Vorwort

Unerwartete Krisen, wie die Covid-19 Pandemie, enthüllen ein im Rückblick erstaunliches Nichtwissen der Gesellschaft. Dies betrifft sowohl das medizinische Wissen, wie die Virologie oder die Epidemiologie, als auch das gesellschaftswissenschaftliche Wissen inklusive der Ökonomie, z.B. das Wissen darum, wie verletzbar unsere Gesellschaft (nicht nur in den globalen Wertschöpfungsketten) geworden ist. Über andere Krisen hingegen, wie beispielsweise die Klimakrise, wurde von den zuständigen Wissenschaften ein umfangreiches Wissen produziert und medial verbreitet. Im Bereich der Politik hat es zu verbaler Zustimmung, aber zu wenig (bzw. nicht ausreichend) faktischem Handeln geführt.

Die Klimakrise und die Covid-19 Pandemie offenbaren das gesellschaftliche Ringen darum, welches Wissen jeweils das angemessene ist, um Phänomene als Krise zu identifizieren, zu verstehen und mit ihnen umzugehen. Denn in beiden Fällen wird nicht nur Wissen bereitgestellt, sondern auch Nichtwissen produziert.Dieses Nichtwissen kann dazu führen, dass über die jeweiligen Phänomene nicht gesprochen, ihre Existenz geleugnet oder ihre Dringlichkeit abgeschwächt wird. Denn was in einer Gesellschaft als Wissen und als Nichtwissen gilt, definiert gleichsam den Möglichkeitshorizont ihrer Wahrnehmung, Beurteilung und Handlungsspielräume mit Bezug auf Wirklichkeit. Auf diese Weise kann individuelles und gesellschaftliches Handeln verhindert oder gehemmt werden, da dessen rationale, emotionale und motivationale Grundlage durch ein derart intentional produziertes Nichtwissen erodiert wird.

Inhaltsverzeichnis

Theresa Steffestun, Walter Otto Ötsch: Zur Einführung: Wissen und Nichtwissen in einer ökonomisierten Gesellschaft. Konturen einer neuen Politischen Ökonomie

Birger P. Priddat: Wissen, Nichtwissen, Ökonomie. Ein Essay

Karl-Heinz Brodbeck: Wissen als liberale Fiktion. Ideologie im Kleide der Wissenschaft bei Hayek

Walter Otto Ötsch: Wissen, Selbstwissen und Nichtwissen der marktfundamentalen Ökonomie. Hayeks Marktbegriff und die ökonomisierte Gesellschaft (auch als Working Paper 67)

Theresa Steffestun: The Constitution of Ignorance - zur Bedeutung von Nichtwissen in der Verhaltensökonomie (auch als Working Paper 66)

Kathrin Leipold: Wissenswerte Erfahrung. Zum Wissenskonzept von Eugen von Philippovich

Ulrich Thielemann: Heterodoxie, Positivismus und Ökonomismus. Über die Vergeblichkeit der Überwindung des Neoliberalismus auf positivem Wege

Ulrich Duchrow: Überwindet Gerechtigkeit die mörderische Herrschaft des Geldes? Beiträge religiösen Wissens für eine neue politische Ökonomie

Hannah Heller, Valentin Sagvosdkin: Die narrative Krise der (Wirtschafts-)Wissenschaft und ihre Bedeutung in der globalen Umweltpolitik

Annette Hilt: Wie erzählen wir vom Gemeinsinn? Einige Überlegungen, Wissen zu verstehen

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