Denken über die Wirtschaft

Ich bin Ökonom und Kulturhistoriker. In meinem Unterricht und in meinen Forschungen verbinde ich diese zwei Felder zu einer Kulturgeschichte des Denkens über die Wirtschaft.

Ich will dabei verstehen, wie sich die Wirtschaftstheorie über die Jahrhunderte entwickelt hat, seit dem frühen (europäischen) Mittelalter bis heute. 

Welches Lernziel verfolge ich dabei?

Das Ziel ist es zu erkunden, wie es möglich war, ganz anders über Wirtschaften und wirtschaftliche Tätigkeiten zu denken als dies heute selbstverständlich geworden ist.

Ich will damit meine Studierenden anleiten aus der Distanz der Jahrhunderte auf unsere Zeit zu sehen. 

Damit sollen scheinbare Selbstverständlichkeiten in unserer Art des Denkens und der Wahrnehmung bewusst gemacht werden. Auf diese Weise soll eine Sprachlichkeit angeboten werden, mit deren Hilfe wir ermöglicht werden, über eigene Selbstverständlichkeiten zu reflektieren (und sich selbst mehr in seiner kulturellen und gesellschaftlichen Eingebundenheit zu verstehen).

Ich will mit diesem Ansatz die Fähigkeit bzw. eine Ahnung schulen, wie grundlegend anders Menschen denken konnten und denken können. Damit will ich Studierende befähigen, ernsthaft und tiefgehend über die großen Probleme der heutigen Gesellschaft nachdenken zu können.

Was heißt hier Kulturgeschichte?

Es bedeutet, Theoriegeschichte nicht nur als Ideengeschichte oder als Personengeschichte zu betreiben (wie dies im Fach Theoriegeschichte der Ökonomie fast immer unternommen wird), sondern auf vielschichtige Art die besonderen geschichtlichen Umstände zu erkunden, unter denen eine Theorie entstanden ist. Es geht um Fragen wie:

  • Welche historische Situation hat damals geherrscht?
  • Wie sind wichtige Merkmale und Strukturen der jeweiligen Gesellschaft? Was waren ihre Dynamiken, ihre Probleme?
  • Welche Fragestellungen wurden damals diskutiert? Wie war es möglich, dass Menschen so eigenartig gedacht und gelebt haben?
  • Welche Bezüge weist die jeweilige Wirtschaftstheorie mit dem Machtsystem der jeweiligen Gesellschaft auf?  Welche Gruppen und Schichten waren dominant? Wie haben sie Macht ausgeübt? Welche Interessen welcher Gruppen und Schichten wurden durch ökonomische Theorien gefördert oder behindert?
  • Wie wurden diese Theorien später interpretiert? Welche Bestandteile wurden weitergeführt, welche unterdrückt und welche sind ganz in Vergessenheit geraten?

Was ist die Besonderheit meiner Art von Kulturgeschichte?

Ich versuche

  • einen großen Überblick zu vermitteln. Es geht um einem roten Faden über die Jahrhunderte, in dem viele Details auf neue Art verständlich werden.
  • einen verstehenden Ansatz. Es geht nicht darum, über die buchstäbliche Verrückt-heit, wie Menschen früher gedacht haben, aus der Warte des 21. Jahrhunderts zu urteilen, sondern einen Innenblick aus der damaligen Zeit zu versuchen: in Ansätzen zu verstehen, welche Sichtweisen damals selbstverständlich gewesen sind. (Etwas zu verstehen – bzw. zu versuchen es zu verstehen – bedeutet nicht, es zu billigen!)

    Ich leite meine Studierenden an: Wie würden Sie z.B. über die Welt denken, wenn Sie eine Leibeigene im 12. Jahrhundert wären, ein Kaufmann im 16. Jahrhundert, ein Fabriksarbeiter in Manchaster im 18. Jahrhundert, ein Kind, das damals arbeiten musste, eine Person, die im 19. Jahrhundert nach den USA ausgewandert ist?, usw.

Aber wie kann man über so viele Details der Geschichte überhaupt einen Überblick bekommen?

Der rote Faden über die Jahrhunderte wird von mir als Geschichte von Grundbegriffen erzählt. Z.B. Wie hat sich der Begriff der Arbeit verändert? Was bedeutete Arbeit im 11., 14., 17. … Jahrhundert (in Europa)? Und welchen Arbeitsbegriff haben wir heute?

Wichtige Grundbegriffe sind: Wirtschaften, Raum, Zeit, Natur, der wirtschaftende Mensch, Körper, Geist, wie man sich Gott vorgestellt hat, die Gesellschaft und ihre Schichtung, welchen Sinn die meisten im Leben gesehen haben, welche Personen als Leitfiguren angesehen wurden, usw.

Dabei geht es darum, in einer bestimmten Epoche diese verschiedenen Begriffe aufeinander zu beziehen, damit ein mehr oder weniger stimmiges Ganzes entsteht. 

Zum Beispiel: Was hat die Leibeigenschaft im Hohen Mittelalter mit der Art zu tun, wie Personen damals Raum und Zeit erlebt haben und wie zeitliche Prozesse organisiert wurden? Wie waren Menschen damals in ihre Gesellschaft integriert und wie weit konnte sie überhaupt als Individuen handeln? Was hat das mit ihrem Umgang und ihren Vorstellungen von Geld zu tun? War damals Kapitalismus möglich, wenn ja: in welchen Formen und in welchen Bereichen der Gesellschaft? Warum wurde es als sündhaft angesehen, für Geld Zinsen zu nehmen? Welche Praktiken waren dadurch erschwert und wie konnte man das umgehen?

Ein solche Ganzes von Grundbegriffen, die aufeinander in einer gewissen Stimmigkeit bezogen sind, kann man Weltbild nennen.

Welche Weltbilder gab es seit dem Mittelalter?

Es gibt keine festgelegte Zahl. Das hängt davon ab, wie differenziert die einzelnen Jahrhunderte betrachtet werden. Wichtige Unterscheidungen sind: das frühe Mittelalter, die Renaissance des Mittelalters (ab dem 12. Jahrhundert), die italienische Renaissance (ab dem 14. Jahrhundert), der "Raumrausch" des 16. Jahrhunderts, usw.

In der wenigen Zeit, die ich im Unterricht habe, versuche ich ein klares Bild folgender Weltbilder zu vermitteln (ich nehme dabei vor allem Bezug auf Europa, mit kurzen Exkursen, wie das aus einer anderen Perspektive aussehen könnte, z.B. aus arabischen oder afrikanischen Sichtweisen):

  • Das Weltbild des frühen und hohen Mittelalters (bis zum 13. Jahrhundert)
  • Die "Übergangszeit" (14.- 17. Jahrundert)
  • Das mechanistische Weltbild (ab dem 17. Jahrhundert)
  • Die mechanistischen Weltbilder des 20. Jahrhunderts
  • In welchen (unterschiedlichen) Weltbildern leben wir heute?

All das wird immer in Zusammenhang mit dem Denken über die Wirtschaft erörtert bzw. die Theoriegeschichte der Ökonomie wird vor dem Hintergrund des Wandels von Weltbildern erzählt. 

Was hat das mechanistische Weltbild mit der Theoriegeschichte der Ökonomie zu tun?

Die Ökonomie ist eine junge Wissenschaft. Als eigenständige Wissenschaft gibt es sie erst ab dem 18. Jahrhundert. Die dominante Geschichte der Ökonomie (man spricht auch vom mainstream economics) vom 18. bis zum 20. Jahrhundert kann als Abfolge von ungefähr zehn verschiedenen Arten des mechanistischen Weltbilds erzählt werden. Dabei wurde das System der Wirtschaft in Analogie zu bestimmten Maschinen gesehen. Relevant sind heute die mechanistischen Metaphern der Neoklassik sowie des Neoliberalismus.

Highlights zu Meiner KUlturgeschichte des Denkens über die Wirtschaft

  • Eine erste Information über meine Art der Kulturgeschichte vermitteln über 40 Videos aus Vorlesungen, die ich an der Johannes Kepler Universität Linz in den Jahren 2012 und 2013 gehalten habe. Manches würde ich heute anders erzählen, aber als Erstorientierung sind diese Videos immer noch brauchbar, z.B. die Vorlesungseinheit über das Weltbild des Mittelalters I.
  • Aufsatz Geld und Raum. Anmerkungen zum Homogenisierungsprogramm der beginnenden Neuzeit. Working Paper 11 in der Working Paper Serie der Cusanus Hochschule für Gesellschaftsgestaltung. Kann als pdf downgeloaden werden
  • Aufsatz Bilder in der Geschichte der Ökonomie. Das Beispiel der Metapher von der Wirtschaft als Maschine. Working Paper 42 in der Working Paper Serie der Cusanus Hochschule für Gesellschaftsgestaltung, Kann als pdf downgeloaden werden.
  • Für Ende 2021 plane ich die Publikation eines populär geschriebenen Buches über das Weltbild des Mitttelalters. Es trägt den vorläufigen Titel: Als der Raum die Menschen berührte. Das Mittelalter in uns.